29.08.2025 | Katarakt

Versorgung von Patient:innen mit Katarakt und Hornhauterkrankungen

Die Spezialambulanz für Hornhauterkrankungen und spezielle Implantat­chirurgie an der Medizinischen Universität Wien hat sich auf die Betreuung von Kataraktpatient:innen mit besonderen Anforderungen spezialisiert. Dabei sind in den letzten Jahren die Ansprüche sowohl in der Standard-Kataraktchirurgie als auch bei Patient:innen mit Hornhauterkrankungen gestiegen.


Wir bieten daher eine individuell abgestimmte Betreuung für unterschiedliche Patientengruppen an – darunter Patient:innen mit Hornhautinfektionen und anschließender Vernarbung, mit Hornhautdystrophien, mit ektatischen Hornhauterkrankungen wie Keratokonus sowie Patient:innen nach perforierender oder lamellierender Keratoplastik.

Bei Patient:innen nach Hornhauttransplantation sind hochgradige Astigmatismen (im Durchschnitt 6–7 Dioptrien) zu erwarten. Bei der Versorgung dieser Patienten mit Kunstlinsen ergeben sich zwei wesentliche Herausforderungen: Erstens die Präzision der Zielrefraktion, da aufgrund der speziellen Beschaffenheit des Transplantats bzw. der Vorderkammer die tatsächliche Refraktion oft erheblich von der geplanten Zielrefraktion abweicht, was zusätzliche Behandlungen erforderlich macht. Zweitens stellt sich die Frage nach dem Ausgleich des Astigmatismus.

Zweiteiliges Vorgehen

Die Hornhautambulanz hat in den letzten Jahren ein zweizeitiges Vorgehen etabliert. Im ersten Schritt erfolgt die Kataraktoperation mit Implantation einer Standard-Monofokal-Intraokularlinse mit myoper Zielrefraktion. Nach Stabilisierung der IOL wird im zweiten Schritt eine Add-On-Sulkuslinse implantiert. Die Vorteile dieser Methode gegenüber einer primären torischen Linse sind vielfältig: Die Add-On-Linse wird anhand der subjektiven Refraktion der Patient:innen berechnet und wirkt ähnlich wie ein vorgeschobenes Brillenglas. Sie besteht aus hydrophilem Material und lässt sich einfach durch eine 2,4 mm Inzision in den Sulcus ciliaris implantieren. Bei Veränderung des Astigmatismus oder einem Transplantatversagen kann die Add-On-Linse auch nach Jahren problemlos entfernt und nach einer erneuten Keratoplastik durch eine neue Linse ersetzt werden. Aktuell verwenden wir das Modell A4 (FW00) der Firma 1stQ (Mannheim, Deutschland) mit vierfacher Haptikanbindung für optimale Zentrierung und Rotationsstabilität. Die torische Add-On-Linse ist im sphärischen Bereich von - 10,0 bis + 10,0 Dioptrien und im zylindrischen Bereich bis zu + 11,0 Dioptrien auf Linsenebene verfügbar, was bis zu 9 Dioptrien auf Hornhaut- bzw. Brillenebene entspricht. Bei Bedarf sind auch Spezialanfertigungen mit deutlich höherer zylindrischer Korrektur möglich.

Ein Fallbeispiel

Als Fallbeispiel dient der Patient MF, der sich mit einer Vorgeschichte eines Verätzungstraumas vor etwa 15 Jahren und nachfolgender perforierender Keratoplastik bei uns vorstellte. Aufgrund zunehmender Kontaktlinsenunverträglichkeit suchte er die Beratung bezüglich astigmatismusreduzierender Maßnahmen. Bei der Untersuchung wurde zusätzlich eine Katarakt festgestellt. Wir empfahlen dem Patienten eine zweizeitige Versorgung mit zunächst einer Vivinex-XC1-Linse (Hoya, Nagoya, Japan) + 19,5 Dpt mit myoper Zielrefraktion in den Kapselsack. Nach Stabilisierung der Linse ergab die subjektive Refraktion -8,5 sph = +11,5 cyl/58° mit Visus 0,9. Anhand dieser Daten wurde eine speziell angefertigte A4FW00 -3 SEQ +14,0 D Cyl implantiert. Nach erfolgreicher Implantation zeigte sich eine deutlich verbesserte Refraktion von -1,5 sph = +1,0 /47° mit gleichbleibendem Visus von 0,9.

Refraktive Wiederherstellung des Sehvermögens

Die refraktive Rehabilitation von Kataraktpatient:innen mit aberrationsreichen Hornhautpathologien stellt eine große therapeutische Herausforderung dar. Der innovative Einsatz der IC-8 Intraokularlinse mit integriertem Blendeneffekt optimiert die Abbildungsqualität bei Patientinnen mit irregulären Hornhäuten. Die Kataraktchirurgie bei Patient:innen mit strukturell kompromittierten Hornhäuten erfordert spezialisierte Ansätze jenseits konventioneller IOL-Implantate. Verschiedene Hornhautpathologien führen zu irregulären Brechkräften und induzieren Aberrationen höherer Ordnung, die mit Standard-Implantaten schwer zu kompensieren sind. Diese aberrationsreichen Zustände manifestieren sich klinisch durch Visusreduktion, Kontrastempfindlichkeitsverlust, monokulare Diplopie sowie Halo und Glare-Phänomene. Hornhautaberrationen höherer Ordnung können durch diverse Pathologien verursacht werden: infektiöse Keratitiden mit konsekutiver Narbenbildung und lokalen Substanzdefekten, Keratokonus und andere ektatische Erkrankungen mit progressiver Hornhautausdünnung und irregulärem Astigmatismus, sowie Zustand nach Hornhauttrauma mit residualen strukturellen Irregularitäten. Besonders bei ektatischen Erkrankungen wie dem Keratokonus, dessen Pathogenese multifaktoriell ist, spielen mechanische Faktoren (intensives Augenreiben), atopische Dispositionen und genetische Prädispositionen eine ursächliche Rolle. Die optische Rehabilitation dieser Patient:innen erfolgt üblicherweise mittels formstabiler Kontaktlinsen, die ein Tränenlinsenreservoir schaffen und damit Oberflächenirregularitäten optisch ausgleichen und hornhautchirurgischen Eingriffen bei fortgeschrittenen Fällen. Mit zunehmendem Alter und eintretender Katarakt ergeben sich jedoch neue Herausforderungen, da die Kontaktlinsenintoleranz oft zunimmt und die manuelle Handhabung erschwert sein kann. Bei Personen, welche nach einer Kataraktoperation weiterhin Kontaktlinsen tragen wollen, sind torische Intraokularlinsen kontraindiziert. Die IC-8 Intraokularlinse (Bausch & Lomb, Rochester, NY) repräsentiert einen innovativen Ansatz zur Versorgung von Patient:innen mit aberrationsreichen Hornhäuten. Das zentrale funktionelle Element ist ein in die optische Zone integrierter Polyvinylidenfluorid (PVDF)-Ring mit eingebetteten kohlenstoffhaltigen Nanopartikeln. Der Ring weist einen inneren Durchmesser von 1,36 mm und eine effektive optische Zone auf Hornhautebene von ca. 1,6–2,04 mm auf. Der Wirkmechanismus basiert auf dem Prinzip der stenopäischen Lücke mit folgenden optischen Effekten: Reduktion peripherer Lichtstrahlen, die durch aberrante Hornhautareale fallen, Erhöhung der Tiefenschärfe durch Aperturverkleinerung, Minimierung von Streulichtphänomenen und Kompensation moderater refraktiver Fehler.

Die Datenlage

Die ersten klinischen Evidenzen zur IC-8 IOL und ihrer Wirkung auf die Tiefenschärfe wurden 2016 von Grabner et al. im American Journal of Ophthalmology publiziert. Nachfolgende Studien bestätigten den positiven Einfluss auf die Sehqualität bei Patient:innen mit hochaberrierten Hornhäuten durch verbesserte Kontrastsensitivität, reduzierte Blendungsempfindlichkeit und gesteigertem Visus. An der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien wird gegenwärtig eine klinische Studie zur Wirksamkeit der IC-8 IOL bei Patient:innen mit Keratokonus und altersbedingter Katarakt durchgeführt. Das Studiendesign umfasst ein Patientenkollektiv mit mono- oder bilateralen Keratokonus altersbedingter Katarakt, IC-8 IOL-Implantation in ein Auge, sowie Implantation einer aberrationsneutralen Envista-IOL oder torischen Envista-IOL (Bausch & Lomb) im kontralateralen Auge mit dem primären Endpunkt des bestkorrigierten Fernvisus im postoperativen Verlauf. Die IC-8 IOL repräsentiert eine vielversprechende therapeutische Option für Kataraktpatient:innen mit hochaberrierten Hornhäuten, bei denen konventionelle torische oder asphärische IOLs möglicherweise keine optimale visuelle Rehabilitation ermöglichen. Der stenopäische Effekt reduziert den Einfluss peripherer Hornhautirregularitäten und verbessert potenziell die funktionelle Sehqualität. Die laufende Studie an der Medizinischen Universität Wien wird weitere wichtige Erkenntnisse zur klinischen Wirksamkeit und Patientenzufriedenheit liefern.◗

Priv.-Doz. Dr. Daniel Schartmüller

Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Gerald Schmidinger
Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie
Medizinische Universität Wien

FOTO: feelimage/Matern

 

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