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Die geographische Atrophie ist das Endstadium der trockenen AMD und in Deutschland der häufigste Grund für Blindengeld. Betroffene können Gegenstände in der Umgebung zwar noch grob erkennen, aber beim näheren Hinschauen verschwinden sie. Die Erkrankung betrifft mit der Makula den Bereich des scharfen Sehens – dadurch kommt es zu einem Verlust der Lesefähigkeit. Hier setzt das Implantat an, das der Physiker und Ophthalmologe Daniel Palinker von der Stanford University konzipiert und die Firma Pixium Vision in Paris entwickelt hat.
Retina-Implantat
PRIMA besteht aus 378 Photozellen, die auf einer hauchdünnen Silikonplatte (30 µm, 2 mm x 2 mm) angebracht sind. Das Implantat wird im Bereich der defekten Makula unter die Netzhaut implantiert und wandelt Lichtstrahlen im nahen Infrarotbereich (880 nm) in elektrische Impulse um. Die Lichtstrahlen werden von einem Gerät abgegeben, das die Patient:innen auf einer Brille tragen. Dort befindet sich auch eine Kamera, die farbige Bilder in Nahinfrarotlicht umwandelt. Dieses wird dann auf das Implantat projiziert. In der Retina stimulieren die elektrischen Impulse bipolare Zellen, die bereits Teil des Gehirns sind. Die notwendige Energie liefert eine integrierte Photovoltaik-Zelle – ganz ohne Kabel oder Akku.
Studienergebnisse: Verbesserte Sehschärfe
Im Rahmen einer klinischen Studie haben in 5 Ländern an 17 Kliniken (darunter 10 in Deutschland) 38 Patient:innen im Alter von durchschnittlich 78,9 Jahren PRIMA implantiert bekommen. Die Sehschärfe war vor der Implantation gering (logMAR 1,8 oder Snellen 1/60). Prof. Frank Holz, Leiter der Augenklinik an der Universität Bonn, und Mitarbeiter konnten 32 Betroffene nach 12 Monaten nachuntersuchen. Bei 26 Patient:innen (81 %) verbesserte sich die Sehschärfe um mindestens 0,2 logMAR (mindestens 10 Buchstaben auf der Sehtafel), bei 25 Patient:innen kam es sogar zu einer Verbesserung um 0,3 logMAR (mindestens 15 Buchstaben). Im Mittel nahm die Sehschärfe gegenüber dem Ausgangswert um 0,49 logMAR oder 24,5 Buchstaben (etwa 5 Zeilen) auf der Sehtafel zu. Die sehbezogene Lebensqualität, ermittelt mithilfe des IVI-Fragebogens („Impact of Vision Impairment“) verbesserte sich jedoch nicht signifikant.
Sicherheit und Komplikationen
Bei 19 Patient:innen kam es im Zuge des Implantats zu Komplikationen. Sie waren allerdings auf die OP und nicht direkt auf PRIMA zurückzuführen. Bei 6 Betroffenen stieg der Augeninnendruck, bei 5 Patient:innen kam es zu Netzhautrissen, bei 3 Patient:innen zu einem Netzhautloch, 3 Patient:innen erlitten eine subretinale Blutung. Alle Komplikationen heilten jedoch spontan ab oder konnten erfolgreich therapiert werden. Bei keinem der Studienteilnehmer:innen musste das Implantat wieder entfernt werden. Der Hersteller Science Corporation hat bereits den Verkauf von PRIMA in Europa beantragt.
Zusammenfassung
Das PRIMA-Implantat übertrifft laut Prof. Holz die Ergebnisse früherer prothetischer Sehhilfen wie das epiretinale Implantat Argus II, das subretinale Implantat Alpha IMS oder ein suprachoroidales 44-Kanal-Implantat. Für Holz markieren die Ergebnisse einen Meilenstein in der Behandlung der geographischen Atrophie. Erstmals sei es gelungen, die zentrale Sehfunktion bei fortgeschrittener AMD teilweise zurückzugewinnen. Für viele Patient:innen könnte sich dadurch eine neue Lebensperspektive eröffnen.