30.08.2025 | Forschung, Retina

Diabetische Retinopathie: Neue diagnostische und therapeutische Optionen

Wie uns allen bekannt ist, waren die letzten Jahrzehnte in der Augenheilkunde geprägt durch ständige Verbesserungen in der Netzhauttherapie und Diagnostik. Gerade die letzten paar Jahre haben insbesondere im Bereich der diabetischen Retinopathie einige entscheidende Neuerungen gebracht.

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Zur Diagnostik kommen mittlerweile weltweit Screeningansätze anhand von Netzhautfotografien zum Einsatz. In vielen Ländern begann dies mit Netzhautfotos, die an Ophthalmolog:innen geschickt und auf diese Weise telemedizinisch befundet wurden. Vielerorts sind jedoch mittlerweile Algorithmen der künstlichen Intelligenz (KI) im Einsatz, die sehr zuverlässig eine gesunde Netzhaut von diabetischen Veränderungen unterscheiden können. Diese Methoden spielten zunächst vor allem in Gebieten mit ophthalmologischer Unterversorgung eine Rolle sowie in Ländern mit gänzlich unzugänglichem Gesundheitssystem. Inzwischen sind sie jedoch ein fester Bestandteil in vielen hoch entwickelten Ländern mit bester medizinischer Versorgung.

Screening in Drogeriemärkten

In den USA werden mittlerweile „Screening-Boxen“ in Drogeriemärkten aufgestellt, wo ein Roboter neben einer Blutdruck- und Gewichtsmessung auch ein Netzhautfoto aufnimmt. In diesem Land ist auch das voll automatische DR-Screening durch sogenannte ­„AI diagnostics“ als Erstes solches Tool von der food and drug administration (FDA) zugelassen worden. Zudem wurde das Tool in den Erstattungskatalog des größten US-Versicherers Medicare auf­genommen – als medizinische Leistung ohne jegliche ärztliche Interaktion. Nun kann einem dies von augenärztlicher Seite sicherlich Angst einjagen und man könnte argumentieren, dass in einem Land wie Österreich mit exzellenter ophthalmologischer Versorgung und einer hohen Facharztdichte solche Systeme nicht nötig sind. Trotzdem muss man anmerken, dass solche Tools meist die Patient:innen erreichen, die nicht zu Fachärzt:innen gehen. Immer noch suchen insgesamt zu wenige Diabetiker:innen regelmäßig Augenärzt:innen auf. Hier ist weiterhin eine zu niedrige Compliance vorhanden und AI Tools nehmen Ärzt:innen keine Arbeit weg, sondern weisen im Gegenteil unentdeckte Patient:innen zu.

Neuerungen in der DR-Therapie

Auch auf dem Gebiet der therapeutischen Optionen haben die letzten Jahre einen deutlichen Mehrwert geliefert. Zu den bisherigen Optionen von Bevacizumab (Avastin), Ranibizumab (Lucentis), ­Aflibercept (Eylea), Brolucizumab (Beovu), Triamcinolon, Dexamethason (Ozurdex) und Fluocinolon (Illuvien) ist der erste bispezifische Antikörper Faricimab (Vabysmo) hinzugekommen. Vabysmo ist seit 15.10.2022 für die Behandlung des diabetischen Makulaödems (neben der altersbedingten Makuladegeneration und nun auch den retinalen Venenverschlüssen) in Österreich zugelassen und wird damit seit einigen Jahren erfolgreich angewendet. Faricimab bietet neben der auch bei anderen intravitrealen Medikamenten bekannten Wirkung des anti-VEGF-A auch eine Wirkung gegen Angiopoietin-2 für eine duale Hemmung zweier Antikörper, die für die Entstehung des diabetischen Makulaödems ursächlich sind. Wie zuvor Brolucizumab zielt auch Faricimab auf eine längere Wirkdauer ab und konnte in den Zulassungsstudien und in Real-World Analysen zeigen, dass bis zu 75 % der Patient:innen Zeitintervalle zwischen den einzelnen Injektionen von 3 bis 4 Monaten oder mehr erreichen können. Anfang 2024 wurde dann noch ein weiteres Medikament in die Schublade der Ophthalmolog:innen gelegt, hoch dosiertes Aflibercept (Eylea 8 mg), welches ebenso auf eine längere Wirkdauer abzielt und diese ebenfalls durch verlängerte Intervalle unter Beweis stellen konnte. Bisher bleiben bei beiden neuen Medikamenten allseits befürchtete Nebenwirkungen wie vermehrte okklusive Retinitis (wie bei Brolucizumab berichtet) aus und beide Medikamente werden erfolgreich mit verlängerten Zeitintervallen zwischen den Injektionen in Österreich angewandt.

Die Zukunft

Der amerikanische Markt hält bereits weitere Neuzulassungen vor, die in Europa noch ausstehen und die Schublade von Augenärzt:innen beim diabetischen Makulaödem weiter füllen: ein implantierbares, wiederbefüllbares Ranibizumab-Reservoir (Susvimo) sowie diverse Biosimilars, gegenüber derer derzeit jedoch noch spürbare Zurückhaltung aufgrund fehlender Real-World Daten vorhanden ist. Die Zukunft in der Diagnostik und Behandlung des diabetischen Auges bleibt also bunt und uns wird auch die kommenden Jahre ganz sicher nicht langweilig werden – von Routine also keine Rede!◗

Ap.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Bianca Gerendas, MSc, PhD
Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie
Medizinische Universität Wien

FOTO: MedUni Wien/feelimage

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