Obwohl heute über 60 % der Medizinstudierenden weiblich sind, spiegelt sich das nicht in Führungspositionen wider: Nur etwa 13 % der Klinikvorstände und Lehrstuhlinhaber in der Augenheilkunde sind Frauen. Diese „gläserne Decke“ zeigt sich auch in der operativen Ausbildung. Eine von den Augenchirurginnen initiierte Umfrage an österreichischen Universitätskliniken ergab, dass intraokulare Eingriffe, etwa die Kataraktchirurgie, deutlich häufiger von Männern durchgeführt werden – nicht aufgrund besserer Ergebnisse, sondern aufgrund von strukturellen Hürden. Studien belegen sogar, dass Chirurginnen in Standardoperationen weniger Komplikationen verursachen als ihre männlichen Kollegen.
Operieren in der Schwangerschaft
Heutzutage verlieren Ärztinnen durch Schwangerschaften und pauschale Beschäftigungsverbote noch immer wertvolle Ausbildungszeit im Operationssaal. Während in Deutschland das Thema „Operieren in der Schwangerschaft“ bereits intensiv diskutiert wird, beginnt die Debatte in Österreich erst. Mit Informationsinitiativen und konkreten Empfehlungen setzt sich das Netzwerk dafür ein, dass auch schwangere Ärztinnen ihre chirurgische Ausbildung fortsetzen können.
Austausch, Mentoring und Wetlabs
Zentraler Bestandteil der Vereinsarbeit ist die Förderung der operativen Ausbildung. Bis zu sieben exklusive Wetlabs pro Jahr ermöglichen es jungen Chirurginnen, begleitet von erfahrenen Kolleginnen, in geschütztem Rahmen zu trainieren. Mentales Training, Komplikationsmanagement und der Umgang mit besonderen Situationen gehören ebenso dazu wie Achtsamkeitsübungen zur Stressbewältigung. So startete 2025 in Wien ein kombiniertes Wetlab für Katarakt- und Lidchirurgie unter der Leitung von Priv.-Doz.in Dr.in Anna Reisinger – erstmals ergänzt durch einen Workshop zu „Mindfulness-Based Stress Reduction“.
Darüber hinaus bietet der Verein ein professionelles Mentoring-Programm, wissenschaftliche Fortbildungen und vielfältige Austauschformate. Der Netzwerkgedanke ist zentral: Kolleginnen unterstützen einander – fachlich, persönlich und strukturell. „In gemischten Teams sind die Erfolge am größten“, lautet eine der Kernbotschaften des Vereins.
Erstes Jahresevent in Berlin: Ein starkes Zeichen
Ein Höhepunkt des Jahres war das erste große Jahresevent der Augenchirurginnen am 20. und 21. Juni 2025 in Berlin. Über zwei Tage lang bot die Veranstaltung eine inspirierende Mischung aus wissenschaftlichen Updates, Karrierediskussionen und Networking. Fachlich wurden neueste Entwicklungen in der Katarakt-, Glaukom-, Netzhaut- und okuloplastischen Chirurgie vorgestellt. Auch das Thema Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Augenheilkunde wurde intensiv diskutiert. Neben dem Fachprogramm standen gesellschaftspolitische Fragen im Mittelpunkt: Prof.in Dr.in Jutta Allmendinger appellierte in ihrem Impulsvortrag „Es geht nur gemeinsam!“ an die Frauen, sich zu vernetzen und selbstbewusst für strukturelle Veränderungen einzutreten. In der anschließenden Podiumsdiskussion „Wie schaffen wir Gendergerechtigkeit in der Medizin?“ wurde deutlich, dass weibliche Role Models, solidarische Netzwerke und familienfreundliche Strukturen entscheidend für echte Gleichstellung sind.
Prof.in Dr.in Katrin Gekeler referierte über die neuesten Erkenntnisse zum Thema „Operieren in der Schwangerschaft“. Auch praxisnahe Angebote kamen nicht zu kurz: Teilnehmerinnen konnten am Simulator trainieren, und beim abendlichen Get-together wurde in offener Atmosphäre diskutiert und gefeiert – ein lebendiges Beispiel dafür, wie Fachlichkeit und Gemeinschaft Hand in Hand gehen können.
Ein Blick in die Zukunft
Das erste Jahresevent war ein voller Erfolg und markiert den Beginn einer neuen Tradition. Schon jetzt steht fest: Das nächste Treffen findet am 8. und 9. Mai 2026 erneut in Berlin statt. Mit ihrem Engagement für Gleichstellung, Exzellenz und Vernetzung setzen „Die Augenchirurginnen“ ein klares Zeichen: Für eine moderne, faire und vielfältige Augenheilkunde – zum Wohl der Patient:innen und auch für die nächste Generation von Chirurginnen.
