29.08.2025 | Forschung

Die Augenchirurginnen: Ein wachsendes Netzwerk

Seit knapp 6 Jahren existiert das Netzwerk „Die Augenchirurginnen e.V.“ als gemeinnütziger Verein und es hat bereits knapp 600 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es zeigt sich, dass es einen Bedarf gibt, im deutschsprachigen Raum speziell die weibliche Ophthalmologie zu stärken und einen Austausch zwischen den Kolleginnen, sowie die chirurgische Ausbildung von Augenärztinnen zu fördern.

Nach wie vor sind die Ophthalmologinnen in Führungspositionen, in Gremien und am Operationstisch deutlich unterrepräsentiert, obwohl inzwischen über 60 % der Medizin-Studierenden weiblich und über 50 % der Ophthalmolog:innen Frauen sind. Diese grundsätzliche Problematik haben die „Augenchirurginnen“ zuletzt in einem Leitartikel in der Februar-Ausgabe 2025 von „Die Ophthalmologie“ aufgearbeitet. Brücher et al. konstatieren im Editorial: „Die Zunahme der weiblichen Medizinstudierenden allein scheint mittelfristig also nicht zu einer Geschlechtergleichverteilung in Führungspositionen zu führen.“

Gender-Ungleichgewicht

So zeigen Reisinger et al. auf, dass die „gläserne Decke“ auch in der heutigen Ophthalmologie existiert – international, in Deutschland und auch in Österreich. Dies bestätigt auch eine Umfrage an den österreichischen Augenkliniken, die Priv.-Doz.in Dr.in Anna Reisinger und Priv.-Doz.in Dr.in Katharina Krepler vor 2 Jahren initiiert haben. Laut der Umfrage gibt es vor allem eine Ungleichverteilung in Bezug auf die Art der Operationen. Intraokulare Operationen, speziell die Katarakt-Chirurgie, wird häufiger von männlichen Kollegen durchgeführt. Und das nicht, weil ihre Ergebnisse besser sind. Im Gegenteil: Es zeigt sich in Studien, dass Frauen weniger Komplikationen bei Standard-Operationen in der Chirurgie verursachen, und speziell für die Katarakt-Chirurgie wurde gezeigt, dass Frauen trotz geringerer Operationserfahrung keine schlechteren Ergebnisse liefern.

Insbesondere verlieren Ärztinnen immer noch wesentlich an Ausbildungszeit im Operationssaal, wenn sie schwanger sind. Während in Deutschland die potenzielle Diskriminierung von schwangeren Chirurginnen durch pauschale Beschäftigungsverbote schon seit vielen Jahren thematisiert wird, beginnt die Debatte in Österreich gerade erst. Hier muss noch viel Aufklärungsarbeit erfolgen, um Ärztinnen ihre Möglichkeiten und Rechte bewusst zu machen. Besonders in der Augenheilkunde gibt es grundsätzlich viele Möglichkeiten, eine Schwangere weiterhin operativ auszubilden, wenn bestimmte Regeln beachtet werden. Hierzu geben Gekeler et al. in ihrem Artikel viele hilfreiche Hinweise.

Wissenschaftliche Förderung

Aber nicht nur im chirurgischen Segment, auch in der wissenschaftlichen Förderung und Entwicklung zeigt sich ein Gender-Gap in der Ophthalmologie zu Ungunsten der Frauen. So ist das Missverhältnis von Führungspositionen und Berufungen bei Akademiker:innen besonders ausgeprägt, wie Englmaier et al. aufgezeigt haben. Obwohl in 2023 unter den deutschen Fachärzt:innen für Augenheilkunde signifikant mehr Frauen promoviert und habilitiert waren, hatten deutlich mehr Männer leitende Funktionen. Und von der Gesamtmenge der universitären Klinikdirektor:innen waren lediglich 2 von 40 (5 %) Frauen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch hinsichtlich der Repräsentation von Frauen als Vortragende, besonders in der Rolle von Vorsitzenden auf den deutschen ophthalmologischen Kongressen, in denen seit über 10 Jahren deutlich unter 30 % Frauen Vorsitz-Funktion haben. Ein Grund könnte der Mangel an Frauen-Repräsentanz in den Programm-Kommissionen sein, die in den letzten 10 Jahren für alle großen deutschen Kongresse bei 0 bis max. 2 Frauen in Gesamtgremien zwischen 3 und 13 Mitgliedern (max. 17 %) lag. Es gibt auch auf internationaler Ebene Hinweise, dass Frauen in Teams mit Frauen in der Führung stärker gefördert werden als unter Männern.

Aufgaben und Angebote des Augenchirurginnen-Netzwerkes

„Die Augenchirurginnen e.V.“ setzt sich deshalb dafür ein, dass Frauen in der Augenchirurgie gleiche Chancen erhalten und gezielt gefördert werden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Sensibilisierung für das Thema Gleichstellung in der Medizin. Der Verein arbeitet eng mit Fachgesellschaften, Kliniken und Universitäten zusammen, um auf die ungleiche Verteilung von Führungspositionen hinzuweisen und konkrete Maßnahmen zur Förderung von Frauen zu erarbeiten. Hierzu zählen beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle, die Einführung von Mentoring-Programmen und die gezielte Förderung von Frauen in der wissenschaftlichen Arbeit. Konkret bietet das Netzwerk professionelles Mentoring und Fortbildungen, sowie Netzwerk-Veranstaltungen und Austausch-Plattformen für die Mitglieder an. Ein wesentlicher Bestandteil der gezielten Frauen-Förderung in der Ophthalmochirurgie stellen die exklusiven Wetlabs dar, von denen inzwischen bis zu 7 pro Jahr angeboten werden. Dabei können sich die Kolleginnen im geschützten Raum entwickeln und werden von erfahrenen Kolleginnen begleitet, betreut und angeleitet. Es wird sehr konkret auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingegangen, Sondersituationen und Komplikationsmanagement werden thematisiert und erprobt. Viel Wert legen dabei die Dozentinnen aus dem Kreise des Netzwerkes darauf, die jungen Kolleginnen in ihrem Können zu bestärken und zu motivieren. Das mentale Training ist wichtig, da Daten belegen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern dazu tendieren, ihre operative Leistung zu unterschätzen und sich weniger zutrauen.

Exklusive Power-Wetlabs

So starteten die Augenchirurginnen in diesem Jahr erstmals mit einem kombinierten Wetlab für Katarakt- und
Lidchirurgie im Januar in Wien unter der Leitung von Priv.-Doz.in Dr.in Anna Reisinger mit den Ko-Dozentinnen Assoc.-Prof.in­ ­
Priv.-Doz.in Dr.in Christina Leydolt, Dr.in Beatrix Neumaier-Ammerer, Dr.in Cornelia Gregor und Dr.in Elke Schmidbauer mit der großzügigen Unterstützung der Firma Hoya (Abb.1). Erstmalig wurde hier auch ein Workshop in das Wetlab integriert, der sich mit „Mindfulness-Based Stress Reduction“ befasste, um die jungen Chirurginnen bestmöglich auch mental für den Start im OP vorzubereiten. In diesem Jahr fanden bereits zwei weitere Wetlabs zur Kataraktchirurgie in Berneck (CH) unter der Leitung von Dr.in Stefanie Schmickler und in Aschaffenburg (D) unter der Leitung von Priv.-Doz.in Dr.in Claudia Jandeck sehr erfolgreich statt (Abb.2). Weitere 4 Wetlabs in diesem Jahr zur Katarakt- und Netzhaut-Chirurgie sind im August, Oktober und November geplant.

Die Funktion von Networking

Ein zentraler Gedanke des Vereins „Die Augenchirurginnen“ ist die Stärkung von Netzwerken. Gerade in einem so spezialisierten Bereich wie der Augenchirurgie ist es wichtig, über ein starkes Netzwerk zu verfügen, das einem bei fachlichen Fragen oder bei der Karriereplanung unterstützt. Der Verein bietet hierfür eine Plattform, die den Austausch zwischen Frauen in der Augenchirurgie erleichtert. Neben dem direkten Austausch unter den Mitgliedern des Vereins wird auch der Kontakt zu internationalen Fachgesellschaften und Netzwerken gefördert. Durch die Zusammenarbeit mit ähnlichen Initiativen auf internationaler Ebene wird sichergestellt, dass Frauen in der Augenchirurgie auch weltweit vernetzt sind und von den Erfahrungen anderer profitieren können. In Zeiten von Ärzt:innen-Mangel haben alle eine Verantwortung, die Frauen in der Medizin auf dem Weg in den OP oder in Führungspositionen zu unterstützen und nicht zu verlieren. Das hilft am Ende Männern und Frauen – denn in gemischten Teams sind die Erfolge am größten. Und das ist zum Wohle der Patient:innen, denen die Ophthalmologie nach wie vor verpflichtet ist.◗


Die Augenchirurginnen e.V.
Vorsitz: Prof.in Dr.in Anja Liekfeld
www.augenchirurginnen.de
kontakt@augenchirurginnen.de

Literatur:
Brücher V et al., Ophthalmologie 2025, 122: 83-84
Arslan E et al., Ophthalmologie 2025, 122: 100-106
Reisinger A et al., Ophthalmologie 2025, 122: 85-90
Gekeler K et al., Ophthalmologie 2025, 122: 107-116
Englmaier A et al., Ophthalmologie 2025, 122: 91-99

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