29.08.2025 | Forschung

Endokrine Orbitopathie

Die Endokrine Orbitopathie (EO) ist eine Autoimmunerkrankung der Orbita, die in 90 % der Fälle mit Morbus Basedow assoziiert ist, aber auch bei euthyreoter oder hypothyreoter Stoffwechsellage auftreten kann. Eine frühzeitige Diagnose und adäquate Therapie der Erkrankung sind essenziell, um irreversible Sehstörungen zu verhindern.

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch anhand der Anamnese und charakteristischen Symptomen (Abb. 1):

 

  1. Lidretraktion – tritt oft asymmetrisch auf und wird durch eine übermäßige Aktivierung des M. levator palpebrae superioris verursacht. Sie kommt bei bis zu 90 % der Patient:innnen vor und ist somit das häufigste klinische Zeichen der EO.
  2. Exophthalmus – verursacht durch fibro-inflammatorische Prozesse, die zu einer Vergrößerung der extraokularen Muskulatur und des retrobulbären Gewebes führen. Ein Exophthalmus tritt nicht bei allen Patient:innen auf (Abb. 2).
  3. Motilitätsstörungen – insbesondere restriktive Myopathien. Am häufigsten sind der Musculus rectus inferior und der Musculus rectus medialis betroffen, die Diplopie verursachen können.
  4. Periorbitale Ödeme, Rötungen, Chemosis – Zeichen der aktiven Entzündung.
  5. Optikusneuropathie – seltene, aber gravierende Komplikation durch mechanische Kompression oder vaskuläre Insuffizienz des Sehnervs.

Zur weiterführenden Diagnostik gehören:

  • Bildgebung: CT oder MRT, die typischerweise eine spindelförmige Verdickung der extraokularen Muskeln ohne Sehnenbeteiligung zeigen. Bei Optikuskompression engen die verdickten Muskeln im Apex orbitae den Sehnerv ein (sogennantes „apical crowding“) (Abb. 3).
  • Labordiagnostik: Bestimmung der Schilddrüsenparameter (TSH, fT3, fT4) sowie TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) zur Bestätigung der zugrunde liegenden Autoimmunerkrankung.
  • Clinical Activity Score (CAS): Beurteilung der Entzündungsaktivität zur Differenzierung zwischen aktiver und inaktiver Krankheitsphase.

Risikofaktoren

  • Rauchen: stärkster modifizierbarer Risikofaktor, der das Erkrankungsrisiko bis zu achtfach erhöht und auch den Therapieerfolg beeinträchtigt.
  • Weibliches Geschlecht: die Erkrankung tritt fünfmal häufiger bei Frauen auf, insbesondere zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, bedingt durch hormonelle Einflüsse.
  • Genetische Prädisposition und zusätzliche Autoimmunerkrankungen
  • Iatrogene Faktoren: Radiojodtherapie oder eine Thyreoidektomie ohne adäquate Steroidprophylaxe können die EO-Manifestation triggern oder verschlimmern.

Therapieoptionen

Die Behandlung orientiert sich an der Krankheitsaktivität und dem Schweregrad der EO.

1. Konservative Maßnahmen

  • Die Euthyreose herstellen: eine stabile Schilddrüsenfunktion ist essenziell.
  • Nikotinkarenz hat einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf.
  • Tränenersatzmittel: befeuchtende Augentropfen und Salben für die Nacht.
  • Prismenfolien oder Prismenbrillen bei Diplopie.

2. Medikamentöse Therapie

  • Glukokortikoide: Hochdosierte intravenöse Methylprednisolon-Pulstherapie (IVMP) ist der Goldstandard in der aktiven Erkrankungsphase.
  • Immunsuppressiva: Mycophenolatmofetil oder Ciclosporin bei therapierefraktären Fällen.
  • Teprotumumab: Monoklonaler Antikörper, der den IGF-1-Rezeptor blockiert und die Aktivierung orbitaler Fibroblasten hemmt. Die Zulassung in Österreich steht bevor, was eine bedeutende Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten darstellt.

3. Strahlentherapie

  • Niedrig dosierte Orbitaspitzenbestrahlung zur Reduktion der inflammatorischen Komponente.

4. Chirurgische Therapie

  • Orbitadekompression: bei drohender Optikuskompression oder massivem Exophthalmus.
  • Schieloperation: bei restriktiver Diplopie nach der aktiven Phase.
  • Lidkorrektur: zur funktionellen und ästhetischen Wiederherstellung nach der Entzündungsphase.

Zusammenfassung

Die Endokrine Orbitopathie ist eine komplexe Herausforderung mit erheblichen Auswirkungen auf das Sehvermögen und die Lebensqualität der Patient:innen. Eine frühzeitige Diagnose, adäquate Therapie und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Augenärzt:innen, Endokrino­log:innen und Chirurg:innen sind somit essenziell, um irreversible Sehstörungen zu verhindern. Betroffene sollten umfassend über therapeutische Optionen, den Krankheitsverlauf und die Bedeutung der Raucherentwöhnung informiert werden.◗

OÄ Priv.-Doz.in Dr.in Andrea Papp, PhD
Fachärztin für Augenheilkunde und Optometrie, Wien
www.augen-papp.at

FOTO: privat

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