Der 50-jährige Dr. Beyene Hagos ist chirurgischer Leiter und Optometrist am Krankenhaus in Axum, einer Kleinstadt in der äthiopischen Provinz Tigray. Zwischen 2020 und 2022 tobte hier ein bewaffneter Konflikt zwischen der Regionalregierung und der Zentralregierung von Eritrea. Über zwei Millionen Menschen mussten dabei fliehen, rund eine halbe Million verlor ihr Leben. Der Konflikt hat auch die Gesundheitsversorgung nachhaltig verschlechtert: Zahlreiche Mitarbeitende wurden verletzt, flohen oder kamen ums Leben. Krankenhäuser und Gesundheitsposten wurden zerstört, Medikamente sind kaum verfügbar – und das, obwohl der Bedarf an medizinischer Hilfe stetig steigt.
Schwerwiegende Kriegsfolgen
Dr. Hagos behandelt vor allem die schmerzhafte Augeninfektion Trachom: „Wenn sich die Behandlung verzögert, können die Auswirkungen massiv sein. Die Blindheit schreitet weiter voran und ist oft irreversibel. Das haben wir während des Krieges hier in Tigray gesehen, da war die Versorgung für zwei Jahre unterbrochen. Trachom hat sich wieder massiv ausgebreitet und viele Patient:innen haben ein Stadium erreicht, in dem Erblindung nicht mehr vermeidbar ist.“ Weltweit sind bereits 1,9 Millionen Menschen aufgrund eines Trachoms irreversibel erblindet.
Ein globales Problem
Die Augeninfektion Trachom ist laut Weltgesundheitsorganisation in 32 Ländern verbreitet. Sie bedroht das Augenlicht von rund 103 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte davon (61 Millionen) lebt in Äthiopien. Eine Infektion mit dem Bakterium Chlamydia trachomatis verursacht die heimtückische Erkrankung. Die Krankheit zieht sich oft lange hin und verläuft in mehreren Stadien. In frühen Stadien kann das Trachom mit der richtigen Behandlung und verbesserter Hygiene geheilt werden. Wiederholt sich die Infektion, entwickelt sich eine Trachoma-Trichiasis (TT). Dabei vernarbt das Augenlid und die Wimpern drehen sich nach innen. Diese kratzen daraufhin an der Hornhaut und lösen heftige Schmerzen aus. Manche Patient:innen reißen sich deshalb sogar die Wimpern aus. Unbehandelt führt das Trachom zu unheilbarem Sehverlust und schließlich zur Erblindung.
Besonders betroffen: Kinder und Frauen
Das Trachom verbreitet sich rasch, wenn Menschen auf engem Raum leben. Deshalb sind Kinder in der Schule oder in überfüllten Räumen besonders gefährdet. Da Frauen sich meist um die Kinder kümmern, werden sie oft als Nächste angesteckt. Fehlen sanitäre Einrichtungen und ist das Wasser knapp, breitet sich die Infektion rasend schnell aus.
Prävalenz gesunken
Die österreichische Organisation Licht für die Welt ist seit 2006 aktiv, um das Trachom in Tigray zu eliminieren. Durch Lid-Operationen und flächendeckenden Medikamentenvergaben konnte die Prävalenz, vor allem vor dem bewaffneten Konflikt, deutlich reduziert werden. „Vor der Unterstützung durch Licht für die Welt lag die Prävalenz von Trachom bei etwa 40 % in der Bevölkerung. Durch konsequente Medikamentenverteilungen, Hygieneaufklärung und Öffentlichkeitsarbeit ist dieser Wert auf 5 % gesunken“, berichtet Tefera Hiluf, er ist Leiter des Gesundheitsbüros in der Stadt Mekoni. In der Regel werden in jeder Region Medikamente (Zithromax) ein Mal pro Jahr über mehrere Jahre hinweg verteilt, um die Krankheit lokal auszurotten. Seit Kriegsende im Jahr 2022 hat Licht für die Welt gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde in Tigray die Arbeit wieder aufgenommen. Derzeit werden jährlich etwa drei Millionen Menschen mit Antibiotika versorgt. Diese schützen vor einer Erkrankung und bewahren auch vor Erblindung. Die Menschen werden über die Verteilungen vorab über Radio, Zeitungen und wichtige lokale Persönlichkeiten informiert. Kinder bekommen das Medikament über die Schule ausgehändigt. Zusätzlich werden bei Haus-zu-Haus-Vergaben Menschen mit Behinderungen oder ältere bzw. alle Menschen erreicht, die nicht zu den Verteilungen kommen können.
Guesh Abera
Die 40-jährige Äthiopierin Guesh Abera lebt in einer ländlichen Region in Tigray. Ihr Leben ist herausfordernd: Das Land ist sehr trocken. Sie hat nur einen kleinen Gemüsegarten und 3 Kühe, ohne eigenen Acker. Mit ihrem zehn Jahre alten Sohn lebt die Witwe in einer einfachen Hütte. Essen bereitet sie auf einer Kochstelle über offenem Feuer im Freien zu. Während des Krieges ist bei ihr ein Trachom ausgebrochen. Vier Jahren litt sie stark darunter. Die Krankheit wurde immer schlimmer und beeinträchtige zunehmend ihre Sehkraft. Ihre eigenen Versuche, medizinische Hilfe zu bekommen, waren nicht erfolgreich: In ihrer Gegend ist die Infrastruktur leider schlecht und die Wege sind oft weit. Zudem sind die Kosten für eine Behandlung für Menschen wie Frau Guesh zu hoch. Über den regionalen Gesundheitsposten erfuhr sie von den Lid-Operationen, die Licht für die Welt für die Patient:innen kostenfrei anbietet. Neben den flächendeckenden Medikamentenvergaben organisiert die österreichische Organisation auch Operationen von Trachoma-Trichiasis (TT), um die verbliebene Sehkraft zu erhalten. „Ich habe still mit diesen Schmerzen gelebt, vier Jahre lang. Ich habe gedacht, niemanden kümmert das. Jetzt, wo ich weiß, dass es Hilfe gibt, habe ich das Gefühl, wieder ernst genommen zu werden,“ sagt Frau Guesh.
Trachom: Folge und Ursache für Armut
Armutsgefährdete Menschen sind eher von Trachom betroffen, weil sie oft keine ausreichende hygienische Versorgung, geschweige denn fließendes Wasser zu Hause haben. „Trachom ist nicht nur ein Gesundheitsproblem – es ist ein Zeichen von Armut und Ungleichheit. Dagegen zu kämpfen bedeutet, sich für Menschenwürde und Gerechtigkeit einzusetzen“, betont Dr. Hagos. Die Erkrankung ist damit auch ein großes Hindernis für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung: Menschen, die unter Trachom leiden, sind nur eingeschränkt arbeitsfähig, haben weniger Geld für Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung sowie eine schlechtere psychische Gesundheit. Weiters werden sie oft vom Sozialleben ausgeschlossen. Die WHO schätzt, dass jährlich etwa 8 Milliarden USD wirtschaftliche Einnahmen wegen Augenproblemen und Blindheit verloren gehen. Aktuell warten in Tigray mehr als 19.800 Patient:innen auf eine Lid-Operation. Wann sie diese erhalten werden, ist ungewiss. Hier sind die Programme von Licht für die Welt und ihre ausreichende Finanzierung essenziell.

